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Fokus Kinder- und Jugendpsychiatrie

«Für die Betroffenen und ihre Familien wünschen wir uns frühere Behandlungen»

In den Kantonen Uri, Schwyz und Zug deckt Triaplus über 80 Prozent der ambulanten Kinder- und Jugendpsychiatrie ab. Auch 2025 blieb die Behandlungsnachfrage mit insgesamt 1469 Anmeldungen auf konstant hohem Niveau. Wie die KJP diese schwierige Situation meistert und welche Massnahmen im Fokus stehen, erzählt Co-Chefarzt Patrick Brunner.

Die Kinder- und Jugendpsychiatrie ist mit vielen Herausforderungen konfrontiert. Welche waren 2025 besonders relevant? 
Zentral waren erneut die sehr hohen Anmeldezahlen und die langen Wartefristen an allen Standorten. Hinzu kommt ein schwieriger Arbeitsmarkt: Insbesondere die Rekrutierung von Fachärzten, aber auch von Assistenzärzten ist herausfordernd. Psychologisch ausgebildete Mitarbeitende sind besser verfügbar, jedoch wenige mit mehrjähriger Berufserfahrung. Dies ist einerseits eine Herausforderung für die Versorgungsaufgabe, andererseits sehen wir viel Potenzial in der Ausbildung junger, motivierter Mitarbeitenden. Jede einzelne Person, die wir begleiten dürfen, wird in ihrer beruflichen Laufbahn viele Kindern und Jugendliche bei psychischen Erkrankungen und Krisen unterstützen.

Wie lang waren die durchschnittlichen Wartezeiten?
Die Wartezeiten variieren pro Standort. Über alle Ambulatorien in Baar, Lachen, Goldau und Altdorf betrug die durchschnittliche Wartezeit letztes Jahr rund 126 Tage. Man muss dabei unterscheiden: Notfälle – pro Woche und Standort sind es im Schnitt ca. vier – sehen wir immer am selben Tag. Dringliche Fälle wie z.B. depressive Entwicklungen, Zwangsstörungen, Essstörungen mit rascher Gewichtsabnahme oder Schulabsentismus sehen wir innerhalb von zehn Tagen. Das bedeutet aber auch, dass die als weniger dringlich eingestuften Fälle deutlich längere Wartezeiten haben. Zum Beispiel warten Kinder für eine ADHS-Abklärung ca. sechs Monate und Jugendliche für eine ASS-Abklärung mehr als ein Jahr – je nach Standort auch länger. Das ist zu lang. Für die Betroffenen und ihre Familien wünschen wir uns frühere Behandlungen, da dies in vielen Fällen das Behandlungsergebnis beeinflusst.

Am Standort Baar, wo es die längsten Wartezeiten gibt, hat sich die Indikationssprechstunde etabliert. Was sind die Vorteile davon?
Dieses Instrument hilft uns bei der Erfassung des Behandlungsbedarfs und reduziert die Wartezeiten bis zu einem ersten Kontakt. In der Indikationssprechstunde werden Patientinnen und Patienten gesehen, ohne dass direkt im Anschluss zwingend eine Behandlung startet. Möglich ist etwa eine Überweisung an andere Fachstellen oder das Aufgleisen wichtiger Unterstützungsmassnahmen. So kann z.B. eine indizierte Psychotherapie auch erst Monate nach der Indikationssprechstunde beginnen. Ein früherer Kontakt im Rahmen einer Indikationssprechstunde bedeutet aber oft nicht ein früherer Behandlungsbeginn. Da die Vorteile gemäss unserer Einschätzung die Nachteile deutlich überwiegen, prüfen wir die Etablierung dieser Sprechstunde auch an anderen Standorten.

Auch im administrativen Bereich gab es Änderungen; die Digitalisierung schreitet voran. Welche Verbesserungen bringt das für euren Behandlungsalltag?
2025 arbeiteten wir führend in Pilotprojekten mit, unter anderem mit dem Einsatz des KI-Tools Playnvoice. Diese Digitalisierung soll die Effektivität der Dokumentationstätigkeit erhöhen und so dazu beitragen, dass unsere Therapeutinnen und Therapeuten möglichst viel ihrer Zeit für die direkte Patientenarbeit verwenden können. Weiter beschäftigte uns die Umstellung des Tarifsystems von Tarmed zu Tardoc und die intensive Vorbereitung auf den Wechsel zu unserem triaplusweiten Klinikinformationssystem. Im Zuge dieser technischen Umstellung wurde eine zentrale Patientenadministration über alle ambulanten Standorte aufgebaut, was die Abläufe vereinfacht und effizienter macht.

Gab es andere Massnahmen, die den Zugang zur kinder- und jugendpsychiatrischen Versorgung verbessert haben? Welche Rolle spielen Präventionsmassnahmen?
Insgesamt konnten wir die therapeutischen Vollzeitstellen von 46,0 auf 51,2 leicht erhöhen. Nachdem im August 2024 mit der Eröffnung der Tagesklinik Steinen ein grosser Sprung in der Versorgung gemacht wurde, arbeiten wir intensiv daran, den Ausbau unserer Angebote weiter voranzutreiben. Dabei wollen wir den politischen Willen und die Unterstützung nutzen. 
Prävention ist zwar nicht unsere primäre Aufgabe, im Rahmen von Netzwerk- und Öffentlichkeitsarbeit leisten wir aber wertvolle Präventionsarbeit. Zudem haben viele unserer Unterstützungsangebote und auch die intensive Elternarbeit einen stark präventiven Charakter. Ein weiteres Beispiel: Die Behandlung von ADHS-Patienten ist wichtig, um die Entwicklung von Komorbiditäten wie Depressionen und Persönlichkeitsstörungen zu verhindern.

Stichwort ADHS. Solche Fälle und auch Fälle von Autismus sind in den letzten Jahren angestiegen. Warum ist das so und wie steht es um die Schaffung zusätzlicher Abklärungsmöglichkeiten?
Erfreulicherweise führen wir seit 2025 in allen Ambulatorien ASS-Abklärungen durch, wobei Personen mit höherem Krankheitswert resp. Leidensdruck priorisiert werden. Hierfür konnten wir an allen Standorten erfahrene Mitarbeitende im ASS-Bereich gewinnen oder jungen Mitarbeitenden die dafür notwendigen Weiterbildungen (ADOS, ADI-R) ermöglichen. Dennoch gibt es weiterhin längere Wartezeiten. Zur Qualitätssicherung und -verbesserung haben wir zusätzlich zu den externen, ASS-spezifischen Supervisionen einen Wissenstransfer und Austausch in Form einer monatlichen, überregionalen ASS-Intervision etabliert. Gruppentherapeutische Angebote sind leider erst am Standort Goldau möglich.
Gemäss Studien erklären der bessere Zugang zu Abklärungen und Entstigmatisierung einen Teil der zunehmenden ADHS- und ASS-Diagnosen; aber auch Umweltfaktoren und Genetik spielen eine wichtige Rolle. Leider ist es so, dass trotz steigender Diagnosen ein relevanter Teil der Betroffenen keine evidenzbasierte und wirksame Behandlung erhält und mit den negativen Folgen einer unbehandelten ADHS oder ASS klarkommen muss.

Aktuell hat man den Eindruck, dass bei vielen Jugendlichen eine psychiatrische Diagnose beinahe als Statussymbol gilt. Wie problematisch ist dieser Trend?
Grundsätzlich ist es wichtig, psychiatrische Erkrankungen zu entstigmatisieren. So werden Behandlungslücken und die Zeit bis zu einer Behandlung reduziert, was letztlich das Ergebnis für die Betroffenen verbessert. Psychische Erkrankungen sind für ganz viel Leidensdruck und Verlust an Lebensqualität verantwortlich und sollten keinesfalls verharmlost werden. Gleichzeitig kann die psychiatrische Diagnose als Statussymbol die Angebotsknappheit verstärken, wenn unsere Dienste dafür beansprucht werden. Hinzu kommt, dass eine Überidentifikation mit einer psychiatrischen Erkrankung zunächst oft harmlos ist, im Verlauf jedoch Funktionseinbusse und die Entwicklung weiterer Folgeerkrankungen begünstigen.

Wie schätzt du die künftige Entwicklung ein: Wird sich der Behandlungsbedarf auf hohem Niveau einpendeln oder nehmen die Fälle immer weiter zu?
Aktuell beobachten wir leider noch keinen Rückgang der psychischen Belastung bei jungen Menschen. Glücklicherweise kann die Prävalenz psychischer Erkrankungen rein mathematisch nicht stetig im selben Tempo zunehmen. Viele jungen Menschen zeigen auch eine gute Resilienz gegenüber problematischen gesellschaftlichen Trends. Dennoch gibt es Entwicklungen, die berechtigterweise Sorge um die psychische Gesundheit der Bevölkerung – insbesondere der besonders schutzbedürftigen Kinder – bereiten. Dazu zählen etwa die Häufung von Krisen, Migration, Substanzkonsum, der Gebrauch sozialer Medien und erlebter Leistungsdruck.

Eine Versorgungslücke bei Kindern wurde mit der Tagesklinik Steinen geschlossen. Im August 2025 feierte sie ihr 1-Jahr-Jubiläum. Wie hat sich das Angebot entwickelt?
In Steinen haben wir aufgrund der vielen Patientenanfragen die Pensen in der Sozialpädagogik und im Therapeutenteam aufgestockt. Die Plätze sind immer gut ausgelastet und es gibt eine mehrmonatige Warteliste. Insgesamt konnten im ersten Schuljahr 24 Patientinnen und Patienten behandelt werden – trotz der Tatsache, dass während der Einführungsphase bewusst nur die Hälfte der Plätze besetzt wurde. Zusätzlich erhalten wir Anfragen für Altersbereiche, die wir nicht, bzw. noch nicht abdecken. Da wir keine Anerkennung als Spitalambulanz erhielten, durften wir als erster Standort der Triaplus eine Organisation für psychologische Psychotherapie gründen, die von der Leitenden Psychologin Beata Willi geführt wird.

Der Plan war von Anfang an, das tagesklinische Angebot für Jugendliche auszuweiten, wenn die Bedingungen erfüllt werden können. Wie ist der aktuelle Stand?
Aktuell verhandeln wir mit dem Konkordatsrat, in welcher Form das tagesklinische Angebot erweitert werden kann. Zur Debatte stehen drei Ausbau-Optionen: am Standort Steinen in Kooperation mit der Raphi Stiftung, am Standort Baar in Kooperation mit dem HPZ Sonnenberg oder an beiden Standorten. Wir streben mehr Plätze und eine Ausweitung des Angebots für den Jugendbereich an, konkret für Oberstufenschüler der Kantone Uri und Schwyz. Ein weiterer Schritt wäre ein Ausbau für Jugendliche, die sich nicht mehr in der obligatorischen Schulzeit befinden.

Im Kanton Zug etabliert sich seit 2025 das Konzept des "runden Tisches", um die psychiatrische Versorgung von Kindern und Jugendlichen langfristig zu verbessern. Wie kann das erreicht werden?
Der runde Tisch ist ein gutes Instrument, um die verschiedenen Fachpersonen und Stakeholder des Kantons, die in den Kinder- und Jugendbereich involviert sind, sprichwörtlich an einen Tisch zu bringen. So entsteht ein gegenseitiges Verständnis für die Möglichkeiten und Herausforderungen und es werden gemeinsame Ideen zum Umgang mit der knappen Ressourcenlage entwickelt. Wunder dürfen kurzfristig sicher nicht erwartet werden, denn der Ressourcenmangel betrifft neben der KJP auch andere Fachstellen, beispielweise gibt es zu wenige Sonderschulplätze. Eine erste sehr positive Entwicklung ist unter anderem die Aufstockung der Ressourcen für das Fachzentrum Punkto. Dieses bietet Kindern, Jugendlichen und Familien ein niederschwelliges Angebot mit alltagsrelevanter Beratung und Unterstützung an. Die Idee des runden Tisches hat viel Potenzial, deshalb haben wir sie auch in den Kantonen Schwyz und Uri eingebracht.

Zum Schluss: Welche Entwicklungen stehen ab 2026 im Fokus?
Neben dem Ausbau des tagesklinischen Angebots streben wir auf längere Sicht den Aufbau eines Home-Treatments an. Damit möchten wir Jugendliche und Kinder erreichen, die den Weg zu unseren Standorten nicht schaffen oder deren Störungsbilder Interventionen zu Hause erfordern. Im Kanton Zug prüfen wir die Errichtung eines zweiten, "kleineren" Ambulatoriums mit Fokus auf Abklärungen und Therapien, um die in dieser Versorgungsregion längsten Wartezeiten zu verringern.
Wir sind bei unserer täglichen Arbeit mit vielen Herausforderungen konfrontiert, doch die Mitarbeitenden empfinden sie als sinnstiftend. Die erfolgreichen Behandlungsverläufe und das wertschätzende Feedback von Kindern, Jugendlichen, Eltern und weiteren Involvierten motivieren uns zusätzlich jeden Tag. Vielen Dank an alle motivierten und engagierten Kolleginnen und Kollegen, die unsere dringend notwendige Arbeit für die Kinder und Jugendlichen leisten und uns optimistisch in die Zukunft der KJP Triaplus blicken lassen!



Dr. med. Patrick Brunner ist seit 2025 Co-Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie Uri, Schwyz und Zug und Mitglied der Geschäftsleitung Triaplus AG. Davor war er während 6 Jahren als Leitender Arzt bei der KJP Zug und Schwyz sowie als Konsiliararzt für die Station für junge Erwachsene in der Klinik Zugersee tätig.